R29: Eigenvorsorge Wirtschaftsunternehmen

Wie sich Unternehmen vor Hochwasser schützen – Ein Praxisbeispiel der IST Metz GmbH

Bild Der Hauptsitz der IST Metz GmbH am Neckar in Nürtingen. Quelle: IST Metz GmbH

NÜRTINGEN, 24. Mai 1978 – das „Jahrhunderthochwasser“ erreicht seinen Höhepunkt. Im Ortsteil Zizishausen – heute Hauptsitz der IST Metz GmbH – kommt es zu heftigen Überflutungen.

Heinz Schmohl erinnert sich gut. Viele Jahre lang arbeitet er als Leiter des Facility Managements bei der 1977 gegründeten Firmengruppe, die mit einem Jahresumsatz von 73 Mio. Euro zu den weltweit führenden Anbietern von UV-Systemen gehört. Unter seiner Federführung entsteht in den Jahren von 2014 bis 2016 ein Konzept zum betrieblichen Hochwasserschutz, das bis heute landesweiten Vorbildcharakter hat.

Warum Hochwasserschutz? – Wie alles begann

Die exponierte Lage am Neckar, weitere Hochwasserereignisse und ein Vortrag des Regierungspräsidiums Tübingen veranlassen den UV-Ausrüster aus Nürtingen, ein Projekt zum Schutz vor Hochwasser ins Leben zu rufen.
 

Nicht nur 1978, auch in den nachfolgenden Jahren ist die Stadt Nürtingen von schweren Hochwasserereignissen betroffen. 2013 erreicht der Neckar einen so hohen Pegelstand, dass er in Zizishausen beinahe über den Damm tritt. Als das Grundwasser durch die Kanaldeckel dringt, ist die Geschäftsführung alarmiert. Nur wenige Tage später bestätigt das Regierungspräsidium Tübingen ihre Sorge.

Bild links Plaketten und Beschriftungen zeigen an, wohin wichtige Rohstoffe und Materialien evakuiert werden. Auf diese Weise will das Unternehmen dem Produktionsausfall entgegenwirken. Quelle: IST Metz GmbH

Bild rechts Sandsäcke und Plastikfolien verhindern das Eindringen von Wasser. Quelle: IST Metz GmbH

Es ist der 19. Juni 2013. Im Rahmen eines Hochwasserforums der IHK Reutlingen erfährt Heinz Schmohl, Facility Manager der IST Metz GmbH, von den Hochwassergefahrenkarten der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Eingefärbte Flächen auf den Karten zeigen an, welche Gebiete von Überschwemmungen betroffen sein werden und mit welchen Wassertiefen zu rechnen ist.

Am nächsten Tag wird deutlich: Die IST-Metz GmbH ist einem hohen Überflutungsrisiko ausgesetzt. Bei einem Ereignis, dass statistisch gesehen alle 100 Jahre einmal auftritt (HQ100), variiert die Überflutungstiefe je nach Werkstandort zwischen 0,25 und 1,0 Metern. Die unmittelbare Folge: beschädigte Betriebsanlagen, unbrauchbare Rohmaterialen und Umweltverschmutzung.

Aus einem Erfahrungsaustausch mit anderen betroffenen Betrieben weiß Herr Schmohl, dass das Hauptproblem nicht die Sachschäden, sondern der Produktionsausfall und die damit einhergehenden Lieferverzögerungen sind. Schnell kann ein Hochwasser so zur Existenzbedrohung werden.

Doch auch für die Geschäftsführung hat eine mangelnde Hochwasservorsorge unter Umständen verheerende Folgen. Durch das 2014 novellierte Wasserhaushaltsgesetz (WHG) und Wassergesetz Baden-Württemberg (WG) hat sich die Rechtslage zur Haftung für Wirtschaftstreibende und Unternehmensführungen verändert. Werden die Hochwasserrisiken nicht geprüft und geeignete Maßnahmen getroffen, drohen empfindliche Geldbußen sowie die persönliche und strafrechtliche Haftung von Geschäftsleitung, Betriebsbeauftragten und Unternehmen.

Es ist jedoch die besondere Gefährdungslage des Unternehmens, die Herrn Schmohl antreibt und seinen Entschluss schließlich besiegelt. Für ihn beginnt das Projekt „Hochwasserschutz“ offiziell am 20. Juni 2013. Sein Ziel: die mittelbaren wirtschaftlichen Schäden eines Hochwassers möglichst gering und die Produktion am Laufen zu halten.

Möglichkeiten zum Umgang mit Hochwassergefahren

Hochwassersschutzsysteme und -anlagen sind nicht die einzige Lösung. Es sind weitreichendere Maßnahmen erforderlich – insbesondere dann, wenn ein schneller Wiedereinstieg in die Produktion gewünscht ist. Welche Optionen haben Unternehmen also, um sich vor Hochwasser zu schützen, und welche lohnen sich?
 

Das Facility Management der IST Metz GmbH beginnt zunächst mit der Suche nach stationären und (teil-)mobilen Hochwasserschutzsystemen, die vor allem ein Ziel haben: den Zustrom des Wassers im Außenbereich und von den Gebäuden fernzuhalten. Der Einsatz solcher Systeme erweist sich jedoch als kostspielig. Rund 150.000 Euro müsste das Unternehmen investieren – und zwar pro Werk. Doch lohnt sich diese Investition überhaupt?

Wegen eines Neubaus sind zwei Fachplaner, ein Architekt und ein Ingenieur, vor Ort und werden in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung einbezogen. Diese ergibt, dass die Herausforderung nicht nur das Flusshochwasser „von außen“, sondern auch das ansteigende Grundwasser „von innen“ ist. Ohne einen hinreichenden Schutz muss Herr Schmohl mit Schäden an der Bausubstanz und infolgedessen wasserdurchlässigen Stellen rechnen. Im schlimmsten Fall sogar mit einem Aufschwimmen der Werksgebäude.

Für den Innenbereich wird hingegen eine Notflutung in Erwägung gezogen. Diese soll das benötigte Gegengewicht zu den Auftriebskräften des Grundwassers stellen und ein mögliches Aufschwimmen verhindern. Schnell wird jedoch klar, dass hierfür eine Außendichtung an allen Gebäuden notwendig wäre. So ist der Flussanlieger dazu gezwungen, etwaige Wassereinbrüche in Kauf zu nehmen. Um betroffene Räume rasch trockenlegen zu können, investiert er in Pumpen. Für den flexiblen Einsatz der Pumpen werden vier mobile Notstromaggregate erworben.

Damit auch die Produktion nicht gefährdet ist, sind allerdings weitreichendere Maßnahmen erforderlich: Kritische Rohmaterialien und Betriebsmittel sowie (Halb-) Fertigerzeugnisse sollen evakuiert werden. Zwei fest installierte Notstromaggregate werden angeschafft, um die Stromversorgung der Gebäude, insbesondere der Serverräume, sicherzustellen. Sie werden oberhalb der Hochwassermarke HQextrem angebracht. Im Krisenfall lässt sich auf diese Weise eine geordnete Datensicherung garantieren.

Entstehen dann noch Schäden, greift der Versicherungsschutz. Selbstverständlich ist dies jedoch nicht. Denn eine Gewerbeversicherung deckt in der Regel keine Hochwasserschäden ab. Stattdessen müssen Unternehmen eine zusätzliche Elementarschadenversicherung abschließen. Auch Betriebsunterbrechungen benötigen eine eigene Versicherung. Die Kosten müssen in die Investitionen zum Hochwasserschutz einkalkuliert werden. „Wir haben zudem die Erkenntnis gewonnen, dass sich auch dann, wenn wir einen kompletten Hochwasserschutz um die Gebäude beschaffen, an den Versicherungsprämien nichts ändert. Es gibt keine Vergünstigungen“, so Herr Schmohl.

Gefährdungsbeurteilung, Risikobewertung und Maßnahmenplan

Für die Beurteilung einer Gefährdung stellt sich die Frage, welche Gebäude, Anlagen und Produktionsgüter im Hochwasserfall überhaupt betroffen sind. Erst danach lässt sich festlegen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um gefährdete Objekte zu schützen und die Produktion aufrecht zu halten.
 

Die IST Metz GmbH, die sich in unmittelbarer Nähe zum Neckar befindet, beauftragt ein Vermessungsbüro. Pro Werk ermittelt es die präzisen Daten zur Tiefe einer Überflutung, mit der das Unternehmen statistisch gesehen alle 50 Jahre, 100 Jahre oder in extremen Fällen, wie z.B. bei Dammbrüchen, zu kämpfen hätte. Ganz leicht können solche Information zur Überflutungstiefe (und auch -ausdehnung) einzelner Szenarien (HQ10, HQ50, HQ100 und HQextrem) heute über die Hochwassergefahrenkarten der Kommunen und des Landes Baden-Württemberg und die darin integrierte Hochwasserrisikomanagement-Abfrage bezogen werden.

Bild links Hochwassermarken kennzeichnen den Wasserstand bei einem HQ50, HQ100 und HQextrem. Quelle: IST Metz GmbH

Bild rechts Ein Abschalt- und Wiederanlauf-Szenario listet sämtliche Tätigkeiten zum Herunter- und Wiederanfahren der Geschäftsprozesse bei Hochwasser auf. Quelle: IST Metz GmbH

Um die Betroffenheit der Werke auch visuell sichtbar zu machen, entschließt sich der Maschinenbauer dazu, Hochwassermarken auf dem gesamten Werksgelände anzubringen. Dies hat einen weiteren Vorteil, denn nun lässt sich ablesen, an welchen Stellen Wasser in die Gebäude eindringen kann, welche Objekte, Geräte und Materialien gefährdet sind und evakuiert werden müssen. Durch die Hochwassermarken bleibt das Thema zudem im Bewusstsein der Belegschaft präsent.

Da nicht alles, was von Hochwasser betroffen ist, auch gesichert werden kann, priorisiert Herr Schmohl gemeinsam mit den Bereichsleitungen die gefährdeten Objekte in allen drei Werken. Oberste Priorität haben Güter, welche die rasche Wiederaufnahme der Produktion nach einem Hochwasser sicherstellen oder an die Kundschaft ausgeliefert werden müssen. Im Rahmen eines Gebäuderäumungskonzepts definieren und markieren sie die Stellplätze für mobile Gegenstände. Auf dieser Grundlage lässt sich berechnen, wie viel Zeit für eine Evakuierung vonnöten ist.

Damit auch die Belegschaft gefährdete Produktionsgüter und Gegenstände erkennen und sich orientieren kann, welche Objekte wohin gebracht werden müssen, erstellt das Unternehmen Plaketten und Beschriftungen, die an Paletten und Gütern angebracht werden. Auch für den Fuhrpark wird ein Räumungskonzept entwickelt. Die Verantwortung für den jeweiligen Teil der Räumung tragen hierbei die Bereichs-, Abteilungs- und Teamleitungen.

Hochwasseralarm- und Einsatzplan

Nach der Gefährdungsbeurteilung und der Erstellung eines Maßnahmenplans arbeitet das Facility Management der Nürtinger Firmengruppe einen Alarm- und Einsatzplan für den Notfall aus. In diesem ist akribisch festgelegt, welche Maßnahme durch welche Beschäftigten durchgeführt wird.
 

Ausgehend vom kommunalen Hochwasseralarm- und Einsatzplan der Stadt Nürtingen überführt die IST Metz GmbH die Vorgehensprozesse der Kommune in einen betrieblichen Notfallplan. Das Resultat ist ein Vier-Phasen-Plan, bei dem – ab einem bestimmten Pegelstand des Neckars – entweder ein Hochwasservoralarm oder Hochwasserhauptalarm ausgelöst wird. Datengrundlage ist hierbei die amtliche Wasserstands- und Hochwasser-Informations-App Meine Pegel der Hochwasservorhersagezentrale (HVZ).

Die App allein genügt jedoch nicht, um die Lage zu beurteilen. Bei Starkregen nämlich, so Schmohl, erreiche das Wasser die Betriebsstätten wesentlich schneller als es die Pegelerfassung in Kirchentellinsfurt anzeige. Daher sei es ratsam, bereits in der Phase des Hochwasservoralarms immer auch die Niederschlagsmengen im Auge zu behalten. Aktuelle Wettervorhersagen und Unwetterwarnungen für alle Regionen Deutschlands bietet der Deutsche Wetterdienst (DWD) auf der Webseite oder über eine App.

Bild Im Handlungsleitfaden des Unternehmens gibt es zu jeder Phase– Starker Niederschlag, Hochwasservoralarm, Hochwasseralarm und Aufräumen – festgelegte Maßnahmen und Verantwortlichkeiten. Quelle: IST Metz GmbH

Damit im Notfall auch alles glatt läuft, werden zu jeder der vier Phasen Verantwortlichkeiten und Maßnahmen festgelegt. „Es ist wichtig, schriftlich festzuhalten, wer welche Aufgabe hat und diese Aufgabe zu beschreiben“, betont Herr Schmohl. Bei der Wahl der Verantwortlichen und Hilfskräfte gelte es jedoch zu beachten, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ehrenamtlich für örtliche Rettungskräfte tätig seien oder selbst in gefährdeten Gebieten wohnten, von den Durchführungsplänen ausgenommen werden müssten.

Hochwasserübung

Nicht nur Betriebsversammlungen sind wichtige Plattformen, um die Belegschaft für das Thema Hochwasser zu sensibilisieren und über den betrieblichen Hochwasserschutz zu informieren. Auch durch regelmäßige Hochwasserübungen will die IST Metz GmbH ihre Belegschaft aktiv an dem Prozess beteiligen.
 

Jedes Hochwasserschutzkonzept steht und fällt mit dem Engagement und Verantwortungsbewusstsein der Beschäftigten eines Unternehmens. Die Geschäftsführung des UV-Ausstatters aus Nürtingen weiß das. Auf ihre Initiative hin werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen einer Betriebsversammlung über die Hochwasserschutzkonzeption informiert und eine Hochwasserübung angekündigt. Diese dient unter anderem dazu, die im Hochwasseralarm- und Einsatzplan festgelegten Abläufe und Maßnahmen zu verinnerlichen.

Probehalber wird daher am 26. November 2016 zunächst der Hochwasservoralarm ausgelöst, am darauffolgenden Tag der Hochwasserhauptalarm. 41 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter evakuieren im Beisein der Nürtinger Feuerwehr, Vertreter des Ordnungs- und Tiefbauamts der Stadt Nürtingen sowie der lokalen Presse gefährdete Maschinen, Lagerteile und Gefahrenstoffe in höhergelegenere Räumlichkeiten. An den Werkstoren werden Sandsäcke gestapelt. Nach nur zwei Stunden ist die Firma vollständig auf das Ereignis vorbereitet.

Bild IST Metz-Mitarbeiter platzieren gefährdete Güter dort, wo das Hochwasser sie nicht erreichen kann. Quelle: IST Metz GmbH

Der Nürtinger Zeitung erklärt Schmohl: „Alle Mitarbeiter haben super mitgezogen und wir konnten viele wichtige Erkenntnisse für den Ernstfall gewinnen.“ Die wichtigste war, dass alle personenbezogenen Listen zum Hochwasservoralarm aufgrund personeller Wechsel regelmäßig zu pflegen sind. Die Pumpen und Notstromaggregate, deren Funktion und Handhabung den Mitarbeitern noch am Tag der Hochwasseralarmübung erklärt wurden, werden bis heute regelmäßig auf ihre Funktionstüchtigkeit hin getestet.