R1: Information von Bevölkerung und Wirtschaftsunternehmen

„Da wir mittlerweile gut vor Hochwasser geschützt sind, nimmt das Interesse am Thema ab.“

OFFENAU, rund 2.700 Einwohner: Herr Fritz, Hochwasserbeauftragter der Gemeinde Offenau und Herr Beer, sein Stellvertreter, beide im Bauamt angesiedelt und in der Sandstraße in Offenau aufgewachsen, erzählen von ihren persönlichen Hochwassererfahrungen, dem Bau des 2 km langen Hochwasserdamms auf der Westseite der Gemeinde und wie sie versuchen, das Wissen um die Hochwasserrisiken in der Bevölkerung wach zu halten. Frau Herwerth-Gajer ist in Offenau zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Bild Interview mit Herrn Fritz und Herrn Beer. Quelle: Gemeinde Offenau, Herwerth

„Herr Beer und ich (Herr Fritz) sind als Hochwasserschutzbeauftragte benannt. Das ist so ein Titel, der sich nicht in Geld auszahlt (lacht). Wir sind für die Umsetzung des Alarm- und Einsatzplans zuständig – Managen, Überwachen, Prognostizieren – die Organisation des Themas Hochwasser von Verwaltungsseite aus. Da wir beide in der Sandstraße, die heute unmittelbar am Damm liegt, aufgewachsen sind, waren wir von den Hochwasser-Ereignissen 1978 und 1993 direkt betroffen. Offenau wurde früher nicht nur vom Neckar überschwemmt, sondern auch durch Kanalrückstau – Rückstauschutz in den Gebäuden gab und gibt es so gut wie gar nicht. Bei Hochwasser hieß es ‚Keller ausräumen und in die erste Etage‘.
 

Der Neckar konnte damals ohne Probleme ins Dorfgebiet eindringen. Alles, was westlich der B27 war, war in Aufruhr, räumte und pumpte Keller aus. Die Häuser in der Neckarstraße wurden teilweise höher gebaut, weil man wusste, dass das Wasser dort hochläuft. Die Familien, die dort lebten, hatten oft ein Zimmer unter dem Dach für den Fall, dass der Neckar vor der Tür steht und sie von dort aus gerettet werden mussten.

Ich (Herr Beer) selbst war früher bei der Feuerwehr, wir haben die Leute aus dem Schlauchboot versorgt oder sind mit ihnen zum Doktor gefahren und so weiter. Auf das Hochwasser-Ereignis von 1993 folgte 1994 ein abgeschwächtes Hochwasser. Die Leute hatten den Schaden von 1993 gerade beheben lassen, da gab es bereits den nächsten hohen finanziellen Schaden.

Mittlerweile haben wir den Hochwasserdamm auf der Westseite des Ortes, 2 km lang und mit insgesamt vier Durchlässen. Diese werden im Ernstfall mit mobilen Wänden geschlossen. Zudem überwachen wir die vier Hochwasserpumpwerke, die zwischen 2001 und 2004 mit Landeszuschüssen gebaut wurden. Unterstützt werden wir dabei von den Firmen, die die Anlagen warten. In diesem Punkt sind wir sehr zufrieden, bei Störungen schauen wir teilweise selbst nach, wo der Fehler liegt. Die zwei gebauten Regenüberlaufbecken halten im Normalwetterfall den Regen zurück und helfen uns auch im Fall eines Starkregenereignisses.

Die Bevölkerung reagiert mittlerweile gelassen auf das Hochwasser: An einem Tag gab es eine regelrechte Pilgerwanderung an die mobilen Wände. Da diese nur ca. 1,20 m hoch waren, konnten die Leute problemlos darüber sehen und den Neckar beobachten. Einige saßen auf ihrer Terrasse und tranken entspannt ihr Weizenbier. Sie prosteten mir zu und ich dachte ‚Na, super!‘ – das hätte es früher nicht gegeben.

Bild Hochwasser-Pilgern. Quelle: Archiv Offenau, Herwerth

Bild Aufbau Tore Holzstraße 2013. Quelle: Archiv Offenau, Herwerth

„Die allgemeine Meinung lautet immer häufiger ‚Es ist alles zu 100 % sicher‘. Der Damm suggeriert Sicherheit, aber passieren kann nach wie vor etwas.“

Als Offenau noch in regelmäßigen Abständen vom Hochwasser betroffen war, wusste jeder Bürger um die Risiken eines Hochwassers und was bei einem Ereignis zu tun ist. Seit dem Bau des Hochwasserdamms waren wir von keinem extremen Ereignis mehr betroffen. Das heißt aber nicht, dass das Wasser nicht kommen kann. Wir sehen es als unsere Pflicht, die Bürger darauf hinzuweisen, dass sie nach wir vor von Hochwasser, Grundwasser-Anstieg oder Druckwasser betroffen sein können. Nicht nur der Neckar tritt über sein Ufer, das Wasser kann auch aus dem Boden kommen, es bahnt sich überall seinen Weg.
 

Auch ich kann mir ein Extremhochwasser momentan nicht vorstellen, aber wir sind z. B. 2013 nur knapp einer größeren Katastrophe entgangen. Wenn nicht ein Großteil der Niederschläge in Richtung Donau abgeflossen wäre, wären hier die Hochwasserwellen von Kocher und Jagst zusammengelaufen und hätten den Damm überströmt. Unser Alarm- und Einsatzplan sieht für solche Fälle genaue Abläufe und Aufgaben vor, die wir koordinieren. Dazu gehört auch die Absperrung gefährdeter Bereiche bis hin zu einem Evakuierungsplan. Da sind dann das ganze Rathaus, das Ordnungsamt usw. involviert. Der Alarm- und Einsatzplan ist veröffentlicht, die Bürgerinnen und Bürger können ihn jederzeit einsehen.

Bild Auszug aus Evakuierungsplan. Quelle: Website der Gemeinde Offenau

Bild Straßenzug Neckarstraße. Quelle: Sandra Pennekamp

„Das ‚schnelle Internet für Offenau‘ war auf unserem Kommunaltag deutlich beliebter als das Thema Hochwasser.“

Unsere Aufgabe ist, die Bürger weiterhin über das Thema Hochwasser zu informieren, auch wenn es an mancher Stelle ein mühevolles Unterfangen ist: Neubürger kennen die Gefahren nicht und Altbürger sind durch den bestehenden Hochwasserschutz (zu) entspannt. An unserem Kommunaltag haben wir eine Ausstellung präsentiert. Das Interesse der Besucher hielt sich in Grenzen, zudem wurden für die Bürger relevantere Themen, wie ein leistungsstärkeres Internet für Offenau, diverse Bauprojekte und eine interaktive Gemeindekarte mit Vorschlägen zur Bespielung eines freien Baugrundes präsentiert.
 

Da die Menschen die letzten 15/16 Jahre mit dem Hochwasser – außer Sightseeing – nichts zu tun hatten, ist die Gefahr, die besteht, gefühlt sehr weit weg. Wir können uns nicht mit erhobenem Zeigefinger hinstellen und sagen ‚Seid nicht so nachlässig in Sachen Hochwasserschutz‘, damit erreichen wir niemanden. Dennoch ist es wichtig, zu informieren und ein Bewusstsein für das potenzielle Risiko aufrecht zu erhalten. Unser Bürgermeister ist wie wir in der Sandstraße aufgewachsen und hat das Thema deshalb immer auf dem Radar. In dem Punkt müssen wir nicht um Unterstützung kämpfen.

Bild Kommunaltag 2019. Quelle: Archiv Offenau, Rittenauer

„Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, über unsere Homepage, Informationsmaterial, Beratung, oder z.B. den eben genannten Kommunaltag, das Thema Hochwasser aktuell zu halten.“

Auf unserer Homepage wurde der Alarm- und Einsatzplan öffentlich bereitgestellt. Jeder kann also darauf zugreifen und sich informieren. Zudem sind Verlinkungen zu Broschüren und Ratgebern hinterlegt, wer Fragen hat und Informationen braucht, findet etwas auf unserer Seite. Bilder des Hochwassers aus dem Jahr 1978 zeigen, dass der Neckar wirklich im Ort stand – man sieht eine Wasserlandschaft, aus der einige Häuser herausragen.
 

Direkte Beratung
Hinter dem Damm gibt es ein paar wenige Neubauten. Hier wurde vorab kontrolliert, ob man die Bauanträge überhaupt genehmigen darf. Da wir durch den Hochwasserdamm einen HQ100-Schutz haben, wurden die Anträge zugelassen. Den Bauherren haben wir dennoch geraten, ohne Keller zu bauen und das ebenerdige Geschoss nicht zum Wohnen, sondern eher als Garage zu nutzen. Es gibt schließlich nicht nur ein HQ100, sondern auch ein HQextrem, bei dem auch wir mit unseren Mitteln machtlos sind. Für die private Hochwasservorsorge stellen wir Informationsmaterial zur Verfügung, zudem bieten wir an, uns bei Fragen direkt zu kontaktieren.

Hochwassermarken
Hinter einem privaten Hühnerstall, an einer Scheune am Kirchplatz, gibt es eine Hochwassermarke aus dem Jahr 1993, die ist höher als man selbst. Es wäre eine Idee, auf unserer Hochwasserwand die Pegelstände von 1978 und 1993 zu malen. Wenn die Leute vorbeilaufen, denken sie ‚Ui, so hoch!‘ und haben einen Bezugspunkt zum Ernstfall.

Im HW-Fall
Die Bevölkerung wird vorab und rechtzeitig informiert, wenn es sein muss mit Durchsagen der Feuerwehr und der Polizei, Notunterkünfte im Kulturforum Saline und der Sporthalle werden angeboten. Das steht alles im Alarm- und Einsatzplan, ob das alles funktioniert, haben wir bisher nicht probiert.

Gefahrenkarten
In Gefahrenkarten haben wir verschiedene Szenarien durchgespielt, was passieren kann, wenn z. B. im Süden der Damm bricht oder eines der Hochwassertore nicht geschlossen ist. Das signalisiert den Bürgern, dass auch mit unserem HQ100-Schutz eine Gefahr im ‚gesicherten‘ Hinterland entstehen kann.

Geringe Resonanz
Trotz mangelndem Interesse müssen wir einfach dranbleiben. Die Information der Bürger ist richtig, ob sie jetzt viel Resonanz findet oder unbeachtet bleibt – wir sind verantwortlich und signalisieren, dass wir diejenigen sind, die die Gemeinde schützen.

Bild Hochwassermarken am Hühnerstall. Quelle: Sandra Pennekamp

Bild Hochwasser 1978. Quelle: Anton und Karin Herwerth

„Ganz alleine hätten wir einen Informationsstand für den Kommunaltag nicht erstellen können. Das ist gerade für kleine Kommunen gar nicht so einfach.“

Auf einer Veranstaltung der WBWF (Fortbildungsgesellschaft für Gewässerentwicklung) in Stuttgart wurde Informationsmaterial für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung gestellt, dieses haben wir für unseren eigenen Kommunaltag verwendet. Das Material war professionell aufbereitet, die richtige Mischung aus Text und Bild: Die Texte waren kurz und gut lesbar geschrieben und die Bilder passend zu den Texten ausgewählt. Zudem wurden Roll-Ups angeboten, die an verschiedenen Stellen in die Themen eingestiegen sind. Da nicht jeder alle Informationen braucht, konnten wir einfach sagen, welche Nummern der Roll-Ups wir benötigen.
 

Aus der Erfahrung am Kommunaltag lernen wir: Unser Stand war nicht präsent genug platziert und wie schon erwähnt wurden zum einen zu viele und zum anderen Themen vorgestellt, die für die Bürger attraktiver waren. Eine Idee für die Zukunft ist die Verknüpfung mit dem Thema Starkregen. Wenn wir aufzeigen, wie das Hochwasser mit dem Starkregenrisikomanagement, das gerade in der Entwicklung ist, verbunden ist, sehe ich eine Chance, die Bevölkerung besser zu erreichen. Im Kulturforum Saline werden wir dazu einen Informationsabend veranstalten, sobald uns konkrete Zahlen vorliegen.

Bild Kommunaltag 2019. Quelle: Archiv Offenau, Rittenauer

„Wir schaffen und erhalten das Bewusstsein für das ‚Leben am Fluss‘.“

Die meisten Bürger wissen, dass der ‚Nachbar Neckar‘ sehr schöne, aber eben auch seine gefährlichen Seiten hat. Unsere Uferpromenade und das dort stattfindende und ausgezeichnete Dorffest lassen Urlaubsgefühle aufkommen, in der barocken Pfarrkirche finden sich am Hochaltar zwei Heilige, die mit den Gefahren des Wassers zu tun haben. Das Thema hat die Menschen in Offenau schon immer bewegt.

Viele beachten die Absperrungen, die zum Schutz am Fluss aufgestellt werden und haben Respekt vor dem Wasser. Auch wenn das Neckarhochwasser aufgrund des Hochwassers, das über die Äcker reinkommt, etwas in den Hintergrund gerückt ist, ist vielen Menschen bewusst, dass der Fluss uns beinahe umschließt.

Bild Uferpromenade in direkter Nachbarschaft zum Neckar. Quelle: Sandra Pennekamp

Bild Dorffest an der Uferpromenade. Quelle: Gemeinde Offenau, Herwerth
 

Die HVZ unterstützt uns mit sehr genauen Vorhersagen. Wir können uns auf +/- 10 cm darauf verlassen, dass der Scheitel wie prognostiziert eintritt. Im Jahr 2013 haben wir die Daten der HVZ genommen und nicht auf 2/2,14 m aufgebaut, sondern nur so hoch wie nötig. Die Bevölkerung hat sich gefreut, über den Schutz drüber schauen zu können. Wir möchten trotz einer gewissen Sicherheit weiterhin dafür sorgen, dass das Bewusstsein für ein Hochwasser in den Hinterköpfen der Menschen bestehen bleibt. 1978 haben wir selbst gesagt ‚Ach Gott, das war das schlimmste Hochwasser, das wir je erlebt haben‘ – und 1993 haben wir das Gleiche wieder gesagt. Ein HQextrem kann immer kommen, davor sind wir nicht gefeit.“